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Biografie:
Roald Amundsen
Jedes Leben hat sein Ziel, jeder Mensch seine Bestimmung. Manche verfehlen ihre Bestimmung, manche finden sie erst nach langen Irrwegen und Fehlschlägen, einige aber haben sie in der Jugend als Vision vor Augen und folgen ihr traumwandlerisch durchs Leben wie einem sicheren Kompass, ungeachtet aller Niederlagen.
Sein Lebensziel - was war das? Die Nordwestpassage? Die Eroberung des Südpols? Der Flug zum Nordpol? In Wahrheit bedeuteten ihm alle diese Ziele als solche nichts. Sie waren ihm gleichgültig, wenn er sie erreicht hatte - abstrakte geografische Punkte und Linien in der schweigenden Wüste des ewigen Eises, wo die Spuren des Menschen schon am nächsten Tag verweht sind. Amundsen war kein Schatzsucher und unterwarf keine fremden Völker wie seine Zeitgenossen im ,,dunklen Afrika". Sein Lebensziel war er selbst - Roald Amundsen, der Übermensch. Was diesen Mann antrieb, war der Ruhm und nichts als der Ruhm: Als Erster dort gewesen zu sein, Strapazen auf sich genommen und überstanden zu haben wie vor ihm kein anderer, die menschenfeindlichsten Regionen dieses Planeten ,,besiegt" zu haben - nur auf sich selbst und eine Handvoll Männer gestellt, ohne technische Hilfsmittel, ohne Verbindung zur Außenwelt, mit keiner anderen Kraft ausgestattet als dem ans Wahnhafte grenzenden Willen: es zu schaffen! Der Welt zu zeigen, wer Roald Amundsen war - dieser gerade anbrechenden neuen Welt der Technik und der Masse, die dem Abenteuer keinen Raum mehr ließ und dem Einzelnen nur noch die Rolle des Rädchens in der Maschine zuwies. In dieser Zeit, als die verbliebenen "weißen Flecken" auf der Landkarte dahinschmolzen wie Schnee in der Frühlingssonne, als es kaum noch "Geheimnisse" zu enthüllen gab, blieb für den Weltabenteurer nur eine Region, die "noch keines Menschen Fuß" betreten hatte: die Eiswüste der Polkappen. Amundsen fasste seinen Lebensentschluss im Alter von 15 Jahren, als ihm die Reisebeschreibungen des englischen Polarforschers John Fränklin in die Hände fielen, der im frühen 19. Jahrhundert die kanadische Arktis erkundet hatte und 1845 auf der Suche nach der Nordwestpassage im Eis umkam. "Seltsam" , schreibt Amundsen in seiner Autobiografie, "dass gerade die Beschreibung solcher Entbehrungen, die er und seine Leute zu erdulden hatten, mich an der Erzählung Sir Johns am meisten fesselte. Auch ich wollte für eine erhabene Sache leiden." Die Sehnsucht des Gymnasiasten erhielt neue Nahrung, als er 1889 in Oslo die triumphale Heimkehr Fridtjof Nansens von der Überquerung des Grönland-Eises erlebte. Ihm wollte er nacheifern. Der Name Amundsen sollte einmal ebenso hell leuchten wie der des Grönland-Bezwingers. Und in der Tat wurde Nansen einige Jahre später der erste Förderer des jungen Landsmanns. Das Schicksal war Amundsen gnädig gesonnen. Sein früh verstorbener Vater, ein wohlhabender Reeder und Beamter, hinterließ ein beträchtliches Vermögen. Und als Amundsens Mutter drei Jahre nach seinem Abitur starb und das Erbe an die vier Kinder fiel, sah der junge Mann eine freie Lebensbahn vor sich. "Mit unsäglicher Erleichterung", so schreibt er später, "verließ ich die Universität, um mich mit ganzer Seele in den Traum meines Lebens zu stürzen."
Das Unternehmen hätte fast mit einer Katastrophe geendet: Das Forschungsschiff die "Belgica", fror im Packeis fest, sodass die Besatzung in der antarktischen Nacht überwintern musste - eine schauerliche Premiere in der Südpolarforschung. Skorbut, Polaranämie und Depressionen quälten die Leute und den Expeditionsleiter bis an den Rand des Zusammenbruchs. Nur einer verfügte offenbar über unerschütterliche körperliche und psychische Widerstandskraft: Steuermann Amundsen. Er brachte die "Belgica" im nächsten Frühjahr sicher aus dem Eis und kehrte mit unschätzbaren Erfahrungen nach Oslo zurück. Amundsen wußte nun, was ihn in der Polarnacht erwartete. Aber das stachelte nur seinen Ehrgeiz an. Die nächste Expedition wollte er selbst führen. Mit 29 Jahren machte er, nach einem Studium am Marineobservatorium in Wilhelmshaven und an der Deutschen Seewarte in Hamburg, sein Kapitänspatent und kaufte von seiner Erbschaft ein eigenes Schiff, den leichten Heringsfänger "Gjöa". Mit ihm wollte er die mythische Nordwestpassage bezwingen, jene vermutete Verbindung zwischen Atlantik und Pazifik, die schon so vielen zum Verhängnis geworden war, unter ihnen John Fränklin und den 138 Mann seiner beiden Schiffe, die im Eis festgefroren waren. Erst 12 Jahre später hatte man ihre Leichen gefunden. Amundsen schreckte das nicht. Doch er war trotz seines Abenteurertums alles andere als ein Phantast. Zum ersten Mal konnte er sein Organisationstalent entfalten. Mit größter Sorgfalt traf er die Vorbereitungen und wählte seine kleine Mannschaft aus. Nur sechs Leute sollten ihn begleiten, darunter sein ehemaliger Feldwebel bei der Armee, den er als Maschinisten anheuerte. Es war ein Unternehmen auf Leben und Tod. Er musste sich auf jeden Einzelnen verlassen können, und er machte klar, dass an Bord nur ein Wort galt: das des Kapitäns und Expeditionsleiters. Fridtjof Nansen verabschiedete den jungen Freund am Hafen von Oslo - beide wußten nicht, ob sie sich je wieder sehen würden. Doch abermals war Amundsen vom Glück begünstigt. Ohne größere Zwischenfälle segelte die "Gjöa" durch die arktische Inselwelt im Norden Kanadas, bis Amundsen das erste Winterlager aufschlug. Er war aus reichend mit Proviant, Werkzeugen, Waffen und Munition versehen, und er lernte mit seinen Leuten, wie man in der arktischen Nacht überlebt. Er schloss Freundschaft mit den Eskimos der Region, die noch keinen Weißen gesehen hatten, kaufte ihnen Rentier-Anoraks und Bärenfell-Handschuhe ab, ließ selbst welche an Bord nähen, lernte Iglus zu bauen und Pemmikan zu bereiten, die unersetzliche Nahrung aus getrocknetem und gemahlenen Seehundfleisch. Vor allem aber lernte er auf langen Märschen ins Landesinnere den Umgang mit den Huskys, den Schlittenhunden der Eskimos, ohne die der Mensch in der arktischen Eiswüste verloren wäre. Manche Sitte seiner neuen Freunde stieß ihn allerdings ab - wie das, was er "Frauenhandel" nannte: "Sie boten mir sehr billig große Mengen von Frauen an" schreibt er. Um die Moral der Besatzung nicht zu untergraben, untersagte er seinen Männern strikt, sich darauf einzulassen. "Ich fügte hinzu, dass die Syphilis meines Erachtens bei diesem Stamm sehr verbreitet ist." Diese Warnung schien zu wirken. Zwei Jahre blieb Amundsen mit der "Gjöa" bei den Netsilik-Eskimos. Niemand wußte, wo er war, noch wußte er, was in der Welt vorging. Der drahtlose Funkverkehr steckte noch in den Kinderschuhen, und wo es keine Telegrafenlinie gab, gab es keine Verbindung zur Welt. Amundsen galt als verschollen. Im August 1905 brach die "Gjöa" zur Weiterfahrt Richtung Westen auf durch Gewässer und Zonen, die auf keiner Karte verzeichnet waren, bis sich die Wasserstraße schließlich zu einem breiten Golf öffnete. Am 26. August kam der "Gjöa" plötzlich ein Schiff entgegen - aus Westen. Es war ein Schoner aus San Francisco. Der amerikanische Kapitän war ebenso verblüfft wie die Norweger. Er kam an Bord der Gjöa und fragte: "Sind Sie Kapitän Amundsen? Dann gratuliere ich Ihnen." Die beiden Männer drückten sich kräftig die Hand. Die Nordwestpassage war bezwungen Noch einmal musste die "Gjöa" überwintern. Amundsen nutzte die Zeit, um zusammen mit Walfängern und Eskimos auf Skiern und Schlitten 800 Kilometer weit bis Eagle City im tiefsten Alaska zu laufen, wo es eine Telegrafenstation gab. Amundsen kabelte nach Hause, dass die Nordwestpassage durchquert sei. Es war eine Weltsensation. Zum Pech für Amundsen wurde die Nachricht von einem Telegrafisten an die amerikanische Presse weitergegeben, ehe er selbst seine Berichte, für die er Exklusivverträge abgeschlossen hatte, veröffentlichen konnte. Nun weigerten sich seine Partner, das vereinbarte Honorar zu zahlen. So stand er nach den unsäglichen Strapazen in der Eiswüste finanziell vor dem Nichts - ein Held ohne eine Öre in der Tasche. Doch der Ruhm war ihm nun gewiss. Im November 1906, mehr als drei Jahre nach seiner Abreise, kehrte er nach Oslo zurück, gefeiert und geehrt wie einst Fridtjof Nansen. Ein Jahr zuvor hatte Norwegen seine Unabhängigkeit von Schweden erklärt, und die kleine Nation sah nun in Amundsen die Verkörperung ihrer Tugenden. Die Regierung schenkte ihm 40000 Kronen. Damit konnte er wenigstens seine Schulden begleichen. Der Held der Nordwestpassage durfte sich nun in weltweiter Popularität sonnen. Sein Reisebericht wurde ein Bestseller, der erste von vielen, die folgten. Er hielt Vorträge in Nordamerika und ganz Europa, in Berlin war Kaiser Wilhelm II. unter seinen Zuhörern. Doch Amundsen war nicht der Mann, dem das genügt hätte. Er war noch keine 40 Jahre alt. Seine Lebensbestimmung trieb ihn weite, zu neuen Rekorden in der Polarwelt. Sein nächstes Ziel sollte der Nordpol sein. Er verkündete, dass er eine drei- bis vierjährige Expedition in die Arktis führen wolle. Es solle ein rein wissenschaftliches Unternehmen sein. Der Pol, so erklärte er scheinheilig, sei nicht das vorrangige Ziel. Unter dieser Voraussetzung erhielt er staatliche Unterstützung. König Haakon spendierte 30000 Kronen aus seiner Privatschatulle, und die Regierung stellte ihm mit Einverständnis Nansens dessen Forschungsschiff, die "Fram", zur Verfügung. Doch während die Reisevorbereitungen anliefen, kam die Nachricht, dass zwei Amerikaner, Robert Peary und Frederick Cook, unabhängig voneinander den Nordpol erreicht hätten (was später bezweifelt wurde).Von diesem Moment an war der Nordpol für Amundsen gestorben. Er hatte nicht vor, irgendwo Zweiter oder gar Dritter zu sein. Aber es gab ja noch den Südpol - dann musste er eben dorthin. Und zwar sofort. Der Wettlauf auf die Antarktis war bereits in vollem Gange. Der Südpol stellte die Polarforscher vor ganz andere Herausforderungen als der Nordpol. Anders als die nördliche Polarregion ist die südliche Erdkappe kein gefrorenes Meer, sondern ein Kontinent, der von einer kilometerdicken Eisschicht bedeckt und ringsum von einer gewaltigen Eisbarriere, dem Schelf, wie von einer Mauer geschützt ist. Alle Angriffe auf den Pol waren bisher gescheitert. Am weitesten waren die Engländer Robert Falcon Scott, ein Kapitän der Royal Navy, und Ernest Shackleton vorgestoßen. Shackleton war im Januar 1909, während Amundsen seine Nordpol-Expedition vorbereitete, bis auf 155 Kilometer an den südlichsten Punkt der Erde herangekommen, und Scott hatte für 1910 eine neue Expedition angekündigt. Wenn Amundsen gewinnen wollte, hatte er keinen Tag zu verlieren. Doch um seinen Plan zu verwirklichen, musste er zu einer groben Täuschung seiner Gönner greifen. Da er befürchtete, dass Nansen und die Regierung ihr Veto gegen eine überstürzte und riskante Südpol-Expedition einlegen würden, ließ er sie im Glauben, er bereite weiter das Nordpol-Unternehmen vor. Nur seine engsten Mitarbeiter und seinen Bruder Leon weihte er ein. Am 9. August 1910 ging die "Fram" in See, mit 18 Mann Besatzung, 100 Huskys, einem Kanarienvogel, 3000 Büchern, einem zerlegbaren Fertighaus und einem Grammofon an Bord. Offizielles Ziel: die Arktis, via Kap Horn und amerikanische Westküste. In Madeira machte die "Fram" zum letzten Mal fest. Hier erst teilte Amundsen der Besatzung mit, dass sein Ziel nicht der Nordpol, sondern der Südpol sei. Wer damit nicht einverstanden sei, könne aussteigen. Natürlich erhob sich kein Widerspruch. Seinem Bruder Leon gab Amundsen Briefe an König Haakon und an Nansen mit, in denen er sich für den "Kurswechsel" entschuldigte. Dem Rivalen Scott, der bereits in Australien ankerte, kabelte er lakonisch "-Fram-, auf Weg zur Antarktis". Das war das Signal zum dramatischsten Wettlauf der Entdeckungsgeschichte.
Am 13. Januar 1911, im antarktischen Hochsommer, geht die "Fram" in der Walfischbucht am Ross-Schelfeis vor Anker. Scott erreicht die Antarktis zur gleichen Zeit und schlägt sein Lager im McMurdo-Sund auf 650 Kilometer entfernt von Amundsen, dessen Ausgangsbasis sich um 150 Kilometer näher am Pol befindet. Während beide ihre Basislager ausbauen, schickt Scott sein Forschungsschiff "Terra Nova" zu Amundsen in die Walfischbucht. Die Engländer werden freundlich auf der "Fram" empfangen. Man belauert sich gegenseitig hinter der Maske der Fairness, aber weder die einen noch die anderen lassen auch nur eine Silbe über ihre Pläne verlauten. Ahnungsvoll notiert Scott: "Es fällt mir schwer, meine Gedanken von den Norwegern dort in der Bucht fern zu halten". Vor dem Sturm zum Pol richten sich beide Expeditionen auf eine Überwinterung ein. Amundsen hat alles rninuziös vorbereitet. "Wenn wir gewinnen wollen, darf kein Hosenknopf fehlen", schärft er seiner Mannschaft ein. Er lässt unterirdische Werkstätten im Eis bauen und legt auf der Route zum Pol in regelmäßigen Abständen Vorratslager mit Lebensmitteln an. Er erprobt die Hunde, von denen das Leben der Menschen abhängt, und ist begeistert von ihrer Ausdauer. Sie laufen bis zu 60 Kilometer am Tag.
Scotts Ausrüstung ist aufwendiger, seine Mannschaft doppelt so stark. Er setzt auf modernste Technik und hat drei Motorschlitten mitgebracht - der erste versinkt bereits beim Ausladen im Meer. Scott hält auch nicht viel von Hunden und setzt dafür auf mandschurische Ponys. Vor allem ist er im Gegensatz zu Amundsen von ständigen Selbstzweifeln geplagt. Amundsen trainiert seine Leute erbarmungslos. Als sich einer von ihnen, Hjalmar Johansen, über den Führungsstil des Chefs beschwert, wird er aus der Gruppe, die zum Pol marschieren soll, ausgeschlossen und zur Strafe der Gruppe zugeordnet, die auf dem Schiff bleibt. Amundsen in seinem Tagebuch: "Der Stier muss bei den Hörnern gepackt werden; ich muss ein Exempel statuieren." Johansen wird bis zum Ende der Expedition als "Meuterer" behandelt. Er kommt über die Demütigung nie hinweg und begeht einige Jahre später Selbstmord. Am 19. Oktober 1911, mit Anbruch des antarktischen Sommers, startet Amundsen zum Angriff auf den Pol - fünf Männer, 54 Hunde und vier Schlitten. Amundsen legt ein mörderisches Tempo vor. In vier Tagen überwindet er die Gletscher des Küstengürtels und er reicht das zentrale Hochplateau der Antarktis. Vor ihm dehnt sich die weiße Einöde, soweit das Auge reicht. Bis zum Pol gibt es kein Hindernis mehr. Amundsen lässt alle Hunde erschießen, die er nun nicht mehr braucht - "24 unserer tapferen Kameraden" - weil der Marsch nun leichter wird. Die Sonne geht nicht mehr unter, die schneebedeckte Hochebene liegt in blendendem Licht. Die kleine Schar jagt dahin wie bei einem olympischen Skilanglauf. In der Tat gehört Olav Bjaaland, einer der fünf, zu Norwegens Ski-Elite. Er fühlt sich wie zu Hause. Es ist ein traumwandlerischer Siegeslauf, den die fünf einsamen Männer dort in der grenzenlosen Einöde der südlichen Polkappe, abgeschnitten von jeder Verbindung zur Zivilisation, unternehmen. Am 14. Dezember stehen sie am Ziel:
Der Pol ist erreicht - ein fiktiver Punkt in der Schneedecke. 3000 Meter über dem Meeresspiegel - unberührt, ohne die geringste Spur, dass vor ihnen ein Mensch hier gewesen ist. Sie haben es geschafft: Sie sind die Ersten!. Sie pflanzen die norwegische Flagge auf indem sie den Schaft gemeinsam anfassen und entblößen ihre Köpfe. Kokett schreibt Amundsen: "Ich kann nicht sagen, dass ich da vor dem Ziel meines Lebens stand. Der Nordpol hatte es mir von Kindesbeinen an angetan, und nun befand ich mich am Südpol. Kann man sich etwas Entgegengesetzteres denken?". Abends im Zelt feiern sie den Sieg mit Seehundfleisch und Zigarren, nach dem sie einen weiteren Hund töten mussten, der zu schwach geworden war. Er dient seinen Genossen als Festmahl. Vier Tage später treten sie in bester Stimmung den Rückmarsch an. Sie lassen ein Zelt als Markierung zurück und befestigen an der Stange zwei Briefe: einen an König Haakon und einen an Kapitän Scott. Ferner hinterlassen sie den zweiten Siegern einen Sextanten, drei Fußsäcke aus Rentierfell und Fausthandschuhe. Doch sie nützen Scott auch nichts mehr. Der Engländer war erst einen Monat nach Amundsen aufgebrochen, ebenfalls mit vier Mann. Ihr Marsch stand von Anfang an unter einem Unstern. Die Motorschlitten streikten, die Ponys erwiesen sich als untauglich und mussten erschossen werden, sodass die Männer schließlich die schweren Schlitten selbst ziehen mussten, über mörderische Gletscherspalten und Eisschründe. Denn Scott hatte zu allem Übel noch die schwierigere Route gewählt. Zu Tode erschöpft erreichen die Engländer am 18. Januar 1912, einen Monat nach Amundsen, den Pol. Im Innersten gebrochen, notiert Scott in sein Tagebuch: "Die Norweger sind uns zuvorgekommen - Amundsen ist der Erste am Pol! Eine furchtbare Enttäuschung! All die Mühsal, all die Qual - wofür? Mir graut vor dem Rückweg..." Der Rückweg wird zur Katastrophe. Einer nach dem anderen bleibt in der weißen Hölle liegen. Das Tagebuch Scotts beschreibt das Ende von Stunde zu Stunde. Die letzte Eintragung vom 29. März 1912 lautet: "Der Tod kann nicht mehr fern sein. Um Gottes willen, sorgt für unsere Hinterbliebenen!". Zu diesem Zeitpunkt saß Amundsen bereits in Tasmanien und schrieb nach Hause: "Ich sitze im Schatten der Palmen, umgeben von einer üppigen Vegetation, und schwelge im Genuss herrlicher Früchte." Er hatte den Rückmarsch in Rekordzeit bewältigt: 99 Tage nach ihrem Aufbruch, mit einer Marschleistung von insgesamt 2500 Kilometern, trafen die Norweger wieder bei der "Fram" ein. Sie waren bei bester Gesundheit und hatten unterwegs sogar zugenommen. Vom Schicksal der Engländer wußten sie nichts. Die Leichen Scotts und seiner Gefährten wurden erst im folgenden Polarsommer gefunden. Sie lagen nur 20 Kilometer vom nächsten Vorratslager entfernt. Amundsen hatte gewonnen, und sein Ruhm ging um die Welt. Doch die Tragödie des Unterlegenen grub sich tiefer in die Erinnerung der Nachwelt ein als der Triumph des Siegers. Es war, als sei mit dem Tod des Rivalen ein Schatten auf das Leben Amundsens gefallen. Er war jetzt 40 Jahre alt und hatte alles erreicht, was er sich vorgenommen hatte. Was blieb ihm jetzt noch zu tun? Er konnte seine Triumphe nicht überbieten, aber er war der Polarwelt verfallen. Ein Leben außerhalb des Eises schien ihm undenkbar. 1918, während noch der Weltkrieg tobte, startete er mit einem neuen Schiff, der "Maud", zu einer aufwendigen Expedition ins nördliche Eismeer. Er wollte, ungeachtet der Russischen Revolution die sibirische Küste bis zur Beringstraße erkunden. Das Unternehmen dauerte drei Jahre und brachte ihn mehrmals an den Rand des Todes. Aber es blieb wissenschaftlich belanglos und machte kaum noch Schlagzeilen. Die Welt hatte andere Sorgen und neue Sensationen: Das Zeitalter des Luftverkehrs hatte begonnen. Amundsen begriff die Zeichen der Zeit. Wenn er noch mithalten wollte musste er vom Hundeschlitten aufs Flugzeug umsteigen. Schon 1914 hatte er den ersten Pilotenschein in Norwegen gemacht. Jetzt kaufte er mit Unterstützung des amerikanischen Millionärs Lincoln Ellsworth zwei Großflugboote vom Typ ,,Dornier-Wal": Er wollte als erster zum Nordpol fliegen!.
Aber das Glück hatte den Abenteurer verlassen. Das Unternehmen endete 1925 mit einem Fiasko. Eine der beiden Maschinen musste im Treibeis notwassern und aufgegeben werden. Die andere blieb im Eis stecken. Erst nach drei Wochen verzweifelter Bemühungen gelang es der Mannschaft, das Flugboot wieder zu starten. Mit dem letzten Tropfen Sprit erreichte Amundsen das rettende Spitzbergen. Doch Resignieren war nicht seine Sache. Wenn nicht Flugzeug, dann eben Zeppelin! Sein Gönner Ellsworth kaufte das Luftschiff des italienischen Aeronautikers Umberto Nobile, und er kaufte den Konstrukteur und Kapitän gleich dazu. Der Zeppelin wurde in "Norge" umgetauft und nach Spitzbergen überführt. Und wieder hatte Amundsen Pech:
Noch
während der Startvorbereitungen entriß ihm der Amerikaner Richard
Byrd die Siegespalme: Mit einer zweimotorigen Fokker-Maschine überflog
er von Spitzbergen aus den Nordpol und warf dort als Beweis ein Sternenbanner
ab. - Umberto Nobile hatte das Ungetüm in einer phantastischen fliegerischen Leistung in 72 Stunden ohne Schlaf durch schlechtes Wetter und Nebel, oft nur knapp über den Erdboden ziehend, sicher heruntergebracht. Noch einmal war der Name Amundsen in aller Munde, noch einmal wurde er zu Hause als Held der Nation gefeiert und vom König persönlich ausgezeichnet. Dennoch war der Triumph bitter: Denn der Name Nobile überstrahlte den des Norwegers, der zwar Organisator und Chef des Unternehmens war, aber eigentlich nur als Passagier mitflog. Amundsen hatte den Gipfel seines Lebens erreicht. Nun begann der Abstieg: Er hatte endlich genug vom Eis, genug vom Ruhm, genug von Rekorden. Es gab nichts mehr, wo er Erster sein wollte. Er zog sich in sein Haus am Bunnefjord bei Oslo zurück, ein mürrischer Einsiedler, der sich mehr und mehr von der Welt abkapselte.
Der große Abenteurer hatte nie geheiratet und, abgesehen von einer flüchtigen Affäre mit einer Dame der Gesellschaft, nie Beziehungen zu Frauen gehabt. Lange Zeit führte ihm sein einstiges Kindermädchen den Haushalt, später sorgte er allein für sich. Er lebte spartanisch, als hockte er immer noch in seiner Kajüte auf der "Gjöa", der "Fram" oder "Maud". Alles Geld, das er je besessen hatte, war für seine Unternehmungen draufgegangen. Freunde bezahlten seine Schulden, und der Storting, das norwegische Parlament, setzte ihm einen Ehrensold aus. Er begann sonderbar zu werden. Er verkaufte alle Orden und Ehrenzeichen und stritt sich öffentlich mit alten Gefährten, so auch mit Umberto Nobile, dem er den Ruhm neidete. "Ich begreife Amundsens Verhalten nicht", schrieb sein alter Förderer Nansen 1927 an einen Freund. "Ich habe den Eindruck, als sei er ganz aus dem Gleichgewicht geraten und für seine Handlungen nicht mehr voll verantwortlich." Doch noch einmal verließ Amundsen seine Klause und trat ins Rampenlicht, vielleicht, weil er fühlte, dass der Tod ihm die Hand zu einem würdigen Abschied bot. Umberto Nobile, von Mussolini zum General befördert, war 1928 unter großem Propagandagetöse mit einem neuen Luftschiff, der "Italia", aufgebrochen, um die Arktis-Überquerung zu wiederholen, diesmal unter eigenem Kommando. Am 23. Mai startete er von Spitzbergen und überflog planmäßig den Pol. Doch auf dem Rückweg riss der Funkkontakt ab - das Luftschiff, durch Eisbildung auf der Außenhülle zu Boden gedrückt, zerschellte in der weißen Wüste. Das Unglück setzte binnen Stunden eine internationale Suchaktion in Gang. Da hielt es den alten Polarfahrer Amundsen nicht mehr in seinem Haus am Bunnefjord - er eilte dem Feind zu Hilfe, dem Mann, der ihm das Kostbarste gestohlen hatte, den Ruhm, und den er zum Entsetzen aller beschimpft hatte als "unverschämt, kindisch, egoistisch, Emporkömmling, albernen Offizier und Menschen dieser halbtropischen Rasse". Aber: Vielleicht konnte er noch einmal der Erste sein - der Erste, der Umberto Nobile fand: Welche Geste der Fairness würde das sein! Mit Unterstützung eines norwegischen Mäzens charterte Amundsen buchstäblich über Nacht ein zweimotoriges Flugboot samt Besatzung. Im Hafen von Bergen stieg er dazu. Am Morgen des 18.Juni - von Nobile fehlte noch immer jede Spur - erreichte die Maschine Tromsø. Nachmittags startete sie Richtung Spitzbergen. Sie wurde nie wieder gesehen. Man fing keinen Funkspruch auf. Wochen später bargen Fischer einen Schwimmer und einen Benzintank der Maschine - mehr wurde nie gefunden. Die See behielt ihr Geheimnis bis heute. Das Leben des großen Abenteurers endete dort, wohin seine Bestimmung ihn getrieben hatte. Er hätte kein besseres Grab finden können. Einem italienischen Journalisten, der ihn einmal gefragt hatte, was ihn eigentlich an der Polarwelt so fasziniere, hat er geantwortet: "Ach, wenn Sie je gesehen hätten, wie herrlich es da oben ist - dort möchte ich einmal sterben". PS.: Umberto Nobile wurde fünf Tage nach Amundsens Tod mit sieben anderen Überlebenden geborgen. Elf Menschen fanden den Tod. Nobile, der Italien Schande bereitet hatte, wurde von Mussolini fallen gelassen und musste die Armee verlassen. Er starb 1978 in Rom im Alter von 93 Jahren.
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