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Die Besiedlung Islands Die einsame Insel im Nordatlantik war zuerst etwa gegen Ende des achten Jahrhunderts von irischen Mönchen betreten worden, die hier im Geist des ältesten östlichen Mönchtums in völliger Abgeschiedenheit von der Welt und ihren Versuchungen ein heiliges Leben führen wollten, nachdem sie nacheinander von den Shetlands und dann von den Färöer durch Nordmänner vertrieben worden waren. Nun sollten sie auch aus dieser dritten Wüstenstation im Ozean wieder verjagt werden.
Zuerst waren es nur einige vom Sturm verschlagene Nordleute, die nach Island kamen, der Norweger Nadd-Odd der Friedlose, der die Insel «Schneeland» nannte, und der Schwede Gardar Svavarson (etwa 861). Die Gerüchte, die dadurch nach Norwegen kamen, veranlaßten den Wiking Floke Vilgardson aus Rogaland zur Ausfahrt nach der Insel, offenbar in der Absicht der Landnahme (um 870). Aber schon im zweiten Sommer nach der Landung verließ er mit seinen Gefährten das unwirtliche «Eisland», wie die Insel jetzt von ihm benannt wurde. Die übertriebene Darstellung seines Gefährten Torolv von den buttertriefenden isländischen Weideplätzen, die ihm den Spottnamen «Butter-Torolv» eintrugen, wurden in der Heimat mit Recht nicht geglaubt. Trotzdem entschlossen sich die durch Haralds Maßnahmen betroffenen Bauern, vor allem aus den westnorwegischen Landesteilen, sich dort eine neue Heimat zu suchen. (Die neueste Forschung nimmt an, daß Island damals schon besiedelt gewesen sein muß, daß demnach die Landnahme älter gewesen ist als Haralds Reichsgründung). Dem ersten Ansiedler, Ingolf Omson, der im Jahr 874 auf Island landete, soll freilich infolge einer Totschlagsache der Boden in der Heimat zu heiß geworden sein, und auch bei anderen Bauern haben ähnliche Gründe die Auswanderung veranlaßt, wie die Sagaberichte erkennen lassen. Aber bei der Masse der Siedler war der Widerstand gegen die neue Reichsordnung der entscheidende Beweggrund. Gerade die ältesten und geistig führenden freien Bauerngeschlechter, zu deren Sippschaft Hersen, Jarle und Könige zählten, verließen damals das Land ihrer Väter. Sie nahmen wohl meist die ausgegrabenen Pfeiler vom Hochsitz der heimischen Halle, dem Ehrenplatz des Hofbesitzers, mit, in die bisweilen das Bild des Lieblingsgottes Thor geschnitzt war. Vor der Landung wurden sie ins Meer geworfen. Da, wo sie an Land trieben, glaubte man durch göttlichen Fingerzeig den günstigsten Platz zur Landnahme gefunden zu haben. Die Seefahrt von Norwegen nach Island war damals bei gutem Wind in etwa sieben Tagen möglich. Von den Schiffen, mit denen die Reise durchgeführt wurde, gibt das bei Gokstad in Vestfold im Jahre 1880 gefundene, das aus Harald Schönhaars Zeit stammt, eine gute Vorstellung. Seine größte Länge zwischen den Steven beträgt 23,80 m, seine Breite mittschiffs 5,10 m und seine Bordhöhe fast 2 m. Zweiunddreißig Ruderer, an jeder Seite sechzehn, bewegten es vorwärts. Wurde gesegelt, so konnten die Löcher für die Riemen von innen durch besondere Klappen geschlossen werden. Solche unzweifelhaft seetüchtigen Fahrzeuge (Eine genaue Nachbildung des Gokstadschiffes ist im Jahre 1893 in 40 Tagen von Bergen nach Amerika gesegelt) erlaubten die Mitnahme von Frauen und Kindern, von Vieh und dem übrigen wertvollsten Hab und Gut. Vor der Landung wurden bisweilen die Tierköpfe am Vordersteven abgenommen, damit die «Landwichte» nicht gereizt wurden. Um diese unholden Geister zu bannen, wurde das Land, auf dem man sich ansiedeln wollte, mit einem Feuer umgangen oder um fahren. Diese alte kultische Handlung hatte zugleich rechtliche Folgen, denn sie machte den Träger des Feuers zum Besitzer des Landes. Aus solchen bei der Landnahme geübten Gepflogenheiten wird deutlich, daß auch das heimische Brauchtum, der Glaube der Väter, in die neue Heimat hinübergenommen wurde. Wohl befanden sich höchstwahrscheinlich in der Gefolgschaft der Siedler auch schon vereinzelte Christen. Denn viele der auswandernden Nordmänner nahmen den Weg über Irland, von wo sie irische Frauen aus vornehmen Geschlechtern, irische Sklaven und freiwillige Gefolgsleute mitführten. Dadurch kam ein keltischer Einschlag in das isländische Bauerntum hinein. Aber bis zum Ende der Landnahmezeit ist mit dem keltischen Element auch das christliche fast völlig wieder aufgesogen worden. Für die Besiedlung selbst kam außer den Flußtälern nur der Küstensaum in Frage, besonders an der am meisten geschützten Westküste, wo ein Skallagrim Kveldulvson seinen Hof Borg erbaute. Die Möglichkeit der Feldwirtschaft war von vornherein begrenzt, und nur in bescheidenem Umfange gelang der Anbau von Gerste und Roggen. Getreide mußte deshalb größtenteils aus der alten Heimat eingeführt werden, mit der ein lebhafter Verkehr bestehen blieb, ebenso wie auch Bauholz, da der niedrige Buschwald den Bedarf nicht zu decken vermochte. Viehzucht auf dem reichlich vorhandenen Weideland, ergiebige Fischerei und Vogelfang bildeten den Haupterwerb des isländischen Bauern. Die zerrissene Natur des Landes ermöglichte nur die Siedlungsform in weit zerstreut liegenden Einzelhöfen. Die ständige Bedrohung des Lebens und Eigentums durch Bergrutsche und Ausbrüche der Inselvulkane war ganz dazu angetan, den harten, trotzigen Unabhängigkeitssinn, den diese Nordleute aus der Heimat mitbrachten, zu versteifen. Kein Wunder, daß die Sagas aus allen Landesteilen von vielen Geschlechterfehden zu berichten wissen, bei denen Streitigkeiten um den besten Landbesitz, Totschläge und daraus erwachsene Blutrachenahme immer wieder die Hauptrolle spielten. Da es keine auswärtigen Feinde zu bekriegen gab, tobte sich der kämpferische Geist der isländischen Nordleute in diesen Fehden aus, die freilich die Gefahr eines Zustandes völliger Willkür und Rechtlosigkeit heraufbeschworen.
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